Meldungen

Verliert Deutschland den Anschluss?


Barig Logo groß

Der Luftverkehrsstandort Deutschland ist sehr attraktiv für Fluggesellschaften aus der ganzen Welt. Mehr als 100 Airlines sind Mitglieder im Board of Airline Representatives in Germany (BARIG) e. V., das deren Interessen gegenüber Politik und bei den Systempartnern in der Wertschöpfungskette Luftverkehr vertritt. Unsere Mitglieder repräsentieren sowohl die direkten Verbindungen zwischen den Ziel- und Quellmärkten als auch die Frachtströme, die auf ihrem Weg um die Welt Deutschland passieren.

Deutschland ist ein historisch gewachsener Standort für die Logistik insgesamt und die Luftfracht im Besonderen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Zum einen als Quellmarkt: Hier werden überdurchschnittlich viele hochwertige Halbfertigprodukte hergestellt, die ohne Verzögerung in der globalen Produktionskette weitertransportiert werden müssen, sowie Konsumgüter, die schnell zu den Kunden gelangen sollen. Zum anderen ist Deutschland ein wichtiger Zielmarkt – ebenfalls sowohl für Investitions- als auch für Konsumgüter.

Die von Angebot und Nachfrage getriebene Logistik als Dienstleistung für die Industrie ist quasi das Blutkreislaufsystem eines gut funktionierenden Organsystems Volkswirtschaft. Darüber hinaus hat sich daraus ein eigenständiger Wirtschaftszweig mit einer hohen Wertschöpfung entwickelt. Weltweite Warenströme orientieren sich entlang der traditionellen Rennstrecken zwischen gewachsenen Industrieregionen.

Solange Westeuropa und Nordamerika die wichtigsten Wirtschaftsgroßräume der Welt waren, verfestigte sich diese Geometrie und wurde auch nicht infrage gestellt. Zwei wesentliche Einflussfaktoren stellen jedoch die Weichen neu: Leistungsstarke und schnell wachsende Industriestandorte in Schwellenländern, namentlich in den BRIC-Staaten, haben neue Quell- und Zielmärkte definiert. Wesentliche Teile des prognostizierten Wirtschaftswachstums der kommenden Jahre werden in Fernost, auf dem indischen Subkontinent, in Osteuropa sowie in Lateinamerika generiert. Dazu kommt, dass man auch in anderen Ländern das Potenzial der Logistikindustrie als Wachstumstreiber und eigenständigen Wirtschaftsfaktor erkannt hat.

Die wesentlichen Standortfaktoren für Frachtdrehscheiben sind also nicht mehr das Originäraufkommen an Fracht, sondern
a) die geostrategische Lage
b) die Heimatbasen der großen Carrier
c) die Verknüpfung mit anderen Verkehrsträgern
d) die freie Zugänglichkeit der Kapazitäten ohne zeitliche Beschränkung
e) Flexibilität bei der Kapazitätsanpassung
f) wettbewerbsfähige Kosten

Hinsichtlich der geostrategischen Lage hat sich die Wettbewerbsposition Kontinentaleuropas in den letzten Jahren deutlich verschoben. Viele der expandierenden Frachtströme – beispielsweise zwischen den Ostküsten Nord- und Südamerikas sowie Asien müssen nicht zwangsläufig über Europa laufen. Sie können ebenso gut über den Vorderen Orient oder die arabische Halbinsel geführt werden. Hier befinden sich auch die Heimatbasen schnell wachsender Fluggesellschaften wie Turkish Airlines oder der Golfcarrier. Gerade an den Frachtdrehscheiben der Golfstaaten wurden unterdessen Verkehrsknotenpunkte entwickelt, die einen problemlosen Wechsel der Verkehrsmittel von der Luft auf Straßen- oder Wasserwege ermöglichen.

Mit welch kurzem planerischen Vorlauf in anderen Ländern neue Flughäfen entwickelt und in Betrieb genommen werden, ist bekannt. Die Nutzung dieser Airports wird selbstverständlich an der Nachfrage und der Just-in-time-Produktion der Industrie orientiert. Und diese richtet sich nicht nach der Tageszeit in einer bestimmten Region. Last, but not least können an den jungen Drehscheiben günstig Arbeitskräfte angeworben werden, die ein besonders wettbewerbsfähiges Kostenniveau ermöglichen.

Ist es also schon zu spät für den Luftverkehrsstandort Deutschland? Haben wir heute schon den Anschluss verpasst? Nein. Deutschland wird weiterhin von allen namhaften Fluggesellschaften aus allen Kontinenten rege frequentiert. Dafür sprechen der nach wie vor bedeutende Originärmarkt, die ausgezeichnete Infrastruktur und das immense Know-how. Wir, das heißt die Industriepartner, aber auch die politischen Entscheidungsträger müssen uns jedoch der veränderten Wettbewerbsposition bewusst sein. Die Bundesregierung hat wettbewerbsfähige Betriebszeiten der Flughäfen in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich benannt. Darüber hinaus müssen wir darüber nachdenken, wie wir auch in Zukunft am globalen Logistikmarkt partizipieren wollen und können. Das betrifft auch die Einbeziehung der Flughafenanrainer in die notwendigen Maßnahmenpakete.