Nationen, die ihre Infrastruktur vernachlässigen, werden zurückfallen im globalen Wettbewerb der Standorte. Dies ist die zentrale Botschaft des Lehrstuhls für Logistikmanagement der Schweizer Universität St. Gallen. Teile Europas sind, schlussfolgern die Wissenschaftler, bereits auf dem Weg in die Zweitklassigkeit. Mit bedenklichen Folgen für die künftige Wertschöpfung und die Arbeitsplätze. „Luftfrachtstudie Schweiz“ lautet der Titel ihrer Untersuchung. Sie hätte aber ebenso gut „Luftfrachtstudie Zentraleuropa“ heißen können. Denn die von den Autoren Dr. Joerg Hofstetter und Joachim Ehrenthal für die Alpenrepublik ermittelten Fakten lassen sich mühelos auf Länder wie Deutschland, Belgien oder Österreich übertragen. Belegt etwa durch diese Zahlen: Lediglich 0,7 Prozent aller Schweizer Exporte, gemessen am Gewicht, werden per Flugzeug ausgeflogen. Doch diese 0,7 Prozent repräsentieren einen Warenwert von rund einem Drittel der gesamten Schweizer Ausfuhren. Ähnlich lauten die Statistiken für Deutschland.
Und noch eine Parallele: Das Thema Modernisierung und Ausbau der Infrastruktur spielt für die Schweizer Politik nur eine Nebenrolle. Der Ausbau von Flughäfen oder die Errichtung neuer Bahntrassen sind konfliktträchtige Stolperfelder, weil bei weiten Teilen der Bevölkerung negativ besetzt. Laut, teuer, umweltschädlich, überflüssig, sind die meistbenutzten Adjektive in der öffentlichen Debatte. Nicht nur in Bern oder Zürich, sondern auch in Berlin oder Frankfurt. „Als Politiker kann man beim Thema Infrastruktur daher selten punkten“, fasst der aus Baden-Württemberg stammende Autor Joerg Hofstetter die Erkenntnisse zusammen.

Dr. Joerg Hofstetter und Joachim Ehrenthal fordern mehr Investitionen in die Infrastruktur
Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. „Was die Versorgung mit Infrastruktur angeht, erwarten die Bürger vom Staat ein Rundum-sorglos-Paket“, beschreibt Joachim Ehrenthal die vorherrschende Haltung. Doch auch für viele Unternehmen gilt die Devise: „Das ist nicht unsere Sorge, sondern die Aufgabe von Parlament und Regierung“. Was auch daran liegen mag, dass vor allem Großkonzerne ihre Logistikabteilungen ausgegliedert haben und diese Aufgaben von externen Dienstleistern erledigen lassen. Doch wenn diese transportgeprägten Unternehmen Forderungen nach Infrastrukturanpassungen an die Politik stellen, wird ihnen schnell unterstellt, sie handelten gegen die Interessen der Allgemeinheit.
Nach Meinung der Autoren zeigen auch börsennotierte Gesellschaften zu wenig Engagement in Sachen künftige Infrastrukturentwicklung. Während für Vorstände positive Quartalszahlen das Maß der Dinge sind, fehlt es den Aufsichtsräten oft an langfristigen Visionen. „Engagement für betriebsübergreifende Themen war in der Vergangenheit für Unternehmer ganz selbstverständlich“, hebt Hofstetter hervor.
Sinn der wissenschaftlichen Studie ist es, der Schweiz den Spiegel in Sachen Infrastruktur vorzuhalten. Der heutige Spitzenplatz ist Ergebnis früherer politischer Entscheide. Erfolgen heute keine zukunftsweisenden Weichenstellungen, wird dies unweigerlich zum schleichenden Abstieg des Wirtschaftsstandortes Schweiz und damit zu weniger Lebensqualität führen. Vorrangige Aufgabe der Wirtschaft sei es, empfehlen Hofstetter und Ehrenthal, diese drohende Talfahrt der Öffentlichkeit und auch der Politik stärker bewusst zu machen. Die Autoren sehen das als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, vor allem aber als zentralen Job für Verlader, Versender, Airlines und Industrieverbände. Diese sollten als Kümmerer für einen Wertewandel sorgen, damit das Thema Infrastruktur wieder einen wichtigen Stellenwert erhält. Eine Empfehlung, die nicht exklusiv für die Schweiz gilt.