Touchdown. Auf die Minute pünktlich um exakt 10.55 Uhr Ortszeit ist die „Potsdam“ auf Chek Lap Kok gelandet, dem internationalen Flughafen von Hongkong. Ein Blick aus dem Fenster des B747-400-Jumbos der Lufthansa zeigt: Es herrscht viel Betrieb auf dem Airport. Flugzeuge rollen über das Vorfeld, der Cargobereich ist voll geparkt mit Frachtern, fast alle Fluggastbrücken sind mit Fliegern belegt.

Langsam wird es voll auf dem Platz. Das weiß man auch im nur wenige Kilometer entfernten Shenzhen, der rund 16 Millionen Einwohner zählenden Nachbarmetropole am Perlfluss. „Da hinten am Horizont stehen inzwischen 27 Kräne“, sagt Dieter Oppel, der Geschäftsführer des International Cargo Centre Shenzhen (ICCS), einer Abfertigungstochter der Lufthansa Cargo und des örtlichen Flughafens Baoan. Zu sehen ist noch mehr: Ein rund 400 Meter langes Stahlgerippe im Vordergrund und dahinter massive Betonstelzen so weit das Auge reicht. „Hier entsteht gerade ein neues Passagiergebäude sowie die zweite Start- und Landebahn, wodurch Shenzhen die Kapazitäten verdoppeln wird“, erläutert Oppel. Und die Stelzen im Hintergrund? „Das wird eine rund 200 Kilometer lange Autobahn in Hochlage, die Guangzhou mit Shenzhen und Hongkong verbinden wird, mit direkter Anbindung an den Airport Baoan von Shenzhen.“ Ein Megainfrastrukturprojekt, das die Großregion im südöstlichen China noch enger zusammenführen wird.
Für Hongkongs internationalen Airport bedeutet die Verkehrsanbindung an das Hinterland zunächst wachsende Passagier- und Cargoströme, bringt also positive Impulse. Längerfristig aber überwiegen eindeutig die Risiken. Denn die Kapazitäten der zwei Start- und Landebahnen sind trotz durchgehender Öffnung tags und nachts spätestens ab 2020 erschöpft, wahrscheinlich schon früher. „Wir sind dann nicht mehr in der Lage, zusätzlichen Verkehr aufzunehmen“, heißt es in einem Anfang Juni veröffentlichten Warnruf des Airport-Betreibers HKIA. Dieser dürfte dann, so die Befürchtung der Verantwortlichen, in das benachbarte Shenzhen abwandern. Schon malen Hongkonger Wirtschaftsverbände den Verlust von Firmen an die Wand. Vor allem, dass internationale Konzerne ihre Koffer packen und die Stadt wegen der drohenden Engpässe beim Passagier- und Cargotransport zugunsten einer neuen Bleibe in Ostasien verlassen werden. „Das wird garantiert passieren, falls der Flughafen in Zukunft nicht die Transport- und Mobilitätsbedürfnisse global agierender Unternehmen erfüllt“, ist sich Victor Fung sicher, der frühere Aufsichtsratschef der Betreibergesellschaft.
Was also tun? – Zwei Modelle bietet die HKIA in ihrem neuen Masterplan an. Variante eins: Die Optimierung der existierenden Anlagen, sodass jährlich bis zu 420.000 Flugbewegungen stattfinden können. Im vergangenen Jahr waren es 280.000. Kostenpunkt der Maßnahme: umgerechnet 2,15 Milliarden Euro.
Option zwei lautet: Bau einer dritten Bahn, wodurch bis zu 620.000 Starts und Landungen pro Jahr möglich wären. Die Passagierzahl würde von derzeit 51 Millionen auf maximal 97 Millionen pro Jahr nahezu verdoppelt und der Luftfrachtumschlag laut Berechnungen des Betreibers HKIA auf 9,8 Millionen Tonnen gesteigert werden können. Die dritte Landebahn würde, wie die beiden existierenden Pisten, durchgehend für den Verkehr geöffnet sein. „Ein Nachtflugverbot können wir uns hier nicht leisten, sonst verliert Hongkong seine Rolle als interkontinentales Drehkreuz für den Passagier- und Frachtverkehr, was für die lokale Wirtschaft verheerend wäre“, kommentiert Regionalchef Patrick Ling vom IT-Dienstleister Riege Software International (Asia) Ltd.
Der Haken: Das zweite Modell ist extrem teuer. Es würde nach heutigem Stand rund zehn Milliarden Euro kosten – mindestens. Denn die Bahn müsste parallel zum jetzigen System in den Perlfluss hinein gebaut werden, mit vielerlei Maßnahmen zur ökologischen Begleitung und Sicherung.
Für welches der beiden Projekte sich Hongkong entscheidet, ist noch offen. Die Pläne liegen für jedermann einsehbar bis zum 2. September öffentlich aus. Neben den Wirtschaftsverbänden der Stadt hat sich inzwischen auch der größte Nutzer des Airports, die örtliche Cathay Pacific, geäußert. „Aus Gründen der Zukunftssicherung unserer Gesellschaft und des Standorts unterstützen wir ganz klar die Option zwei“, ließ die Airline verlauten.