Am 24. Juni fand in den Räumlichkeiten des Frankfurter Sheraton Hotels die Fachtagung „Die Fracht braucht die Nacht“ statt. Eingeladen zu der Veranstaltung hatte die Lufthansa Cargo AG, mit Unterstützung der neu gegründeten gleichnamigen Initiative. Rund 150 Gäste aus Logistik und Industrie, aber auch aus Politik und Wissenschaft kamen zusammen, um sich über die Bedeutung der Luftfracht für den Wirtschaftsstandort Deutschland auszutauschen. Durch die Veranstaltung führte Björn Helmke, Chefredakteur der DVZ Deutsche Logistik-Zeitung.

Die Fachtagung die “Die Fracht braucht die Nacht” versammelte etwa 150 Gäste aus Logistik und Industrie sowie aus Politik und Wissenschaft
Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Cargo AG, eröffnete die Tagung mit einer Einladung zu einem sachlichen Dialog. Er hob die Bedeutung der Luftfrachtindustrie für die Exportnation Deutschland hervor. Dabei richtete er den Blick in die Zukunft und stellte massive Investitionen und neue Arbeitsplätze in Aussicht. Im gleichen Atemzug kündigte er für die nächsten Jahre eine deutlich verbesserte CO2- und Lärmbilanz an.
Im Anschluss an Spohr sprach Jan Mücke, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung über Regulierung in der Logistikbranche. Als Vertreter der Bundesregierung legte er die Grundlagen der Verkehrspolitik der Bundesregierung dar, wozu auch gehöre, den richtigen Rahmen für Wachstum zu setzen. Mücke bekräftigte, dass die Regierung am Ziel wettbewerbsfähiger Betriebszeiten für deutsche Verkehrsflughäfen festhalte, appellierte aber auch an die Bundesländer. Diese müssten ihrer Verantwortung nachkommen und früheren Zusagen nun Taten folgen lassen.
Wie groß der Wertbeitrag der deutschen Luftfracht ist, wurde in einer Gesprächsrunde mit Vertretern der deutschen Wirtschaft deutlich: Gemeinsam mit Carsten Spohr diskutierten Michael Kandora vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Dr. Kay Lindemann vom Verband der Automobilindustrie (VDA) und Thomas Mack von DB Schenker. Dabei illustrierten sie am Beispiel der Flugverbote während des Vulkanausbruchs, wie wichtig Luftfracht für das Funktionieren unserer exportorientierten Wirtschaft ist. Deutschland sei nur knapp einem ernsten wirtschaftlichen Schaden entronnen, eine weitere Woche Flugverbot hätte gravierende Folgen gehabt. Denn die Luftfracht sei zwar nicht im Bezug auf die Menge, aber in Bezug auf den Wert der transportierten Güter von herausgehobener Bedeutung – 40 Prozent des Wertes der Ausfuhren werden über die Luftfracht abgewickelt.
Auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt spielen die Logistik im Allgemeinen und die Luftfracht im Besonderen eine große Rolle. Dr. Christian Kille von der Fraunhofer Arbeitsgruppe Supply Chain Services (SCS) legte in seinem Referat dar, dass die Logistikbranche der drittgrößte Arbeitgeber in Deutschland sei und dass die Arbeitsplätze nicht nur bei den Logistikdienstleistern angesiedelt sind, sondern auch bei Industrie- und Handelsunternehmen. Kille präsentierte die Ergebnisse einer Studie, wonach Deutschland im internationalen Vergleich der Logistikstandorte den Spitzenplatz belegt. Abschließend betonte er, dass ein 24-Stunden-Betrieb in der Infrastruktur für viele Unternehmen ein essentielles Argument bei Standortentscheidungen ist.

Durch die Fachtagung führte Björn Helmke, Chefredakteur der DVZ Deutsche Logistik-Zeitung
Unter dem Titel „Logistische Zeitfenster und Nachtflugverbote“ präsentierte Dr. Adolf Zobel vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), wie eng der Spielraum der be- und entladenden Industrie durch Betriebsbeschränkungen an Flughäfen und auf der Straße geworden ist. Die Zeitvorgaben durch die Kunden seien sehr straff, sowohl auf Seite der Versender als auch bei den Empfängern. Einschränkungen wie ein absolutes Nachtflugverbot seien auf Dauer schädlich für die Logistikbranche, es dürfe nicht zu einem Bruch an der Schnittstelle zwischen den Verkehrsträgern kommen.
Thomas Wissgott, Bezirksgeschäftsführer bei ver.di, wies auf die beschäftigungswirksamen Auswirkungen hin, die ein absolutes Nachtflugverbot hätte. Allein in Frankfurt seien bei der Lufthansa Cargo AG über 2.700 Arbeitsplätze in Gefahr und im direkten Umfeld noch einmal über 5.000 Stellen. Wissgott forderte, man müsse von absoluten Verboten Abschied nehmen und stattdessen nach praktikablen Nachtflugregelungen suchen, die einen fairen und gleichberechtigten Interessenausgleich gewährleisten.
In einer Podiumsdiskussion zum Thema „Globale Logistik – lokal reguliert?“ machten Ralph Beisel von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV), Martin Gaebges vom Board of Airline Representatives in Germany (BARIG) und Heiner Rogge vom Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV) deutlich, dass es in Deutschland zurzeit keine hinreichende Rechtssicherheit gebe. In der Frage der Zulässigkeit von Nachtflügen würden die Fakten vor allem von Gerichten geschaffen. Die Runde stellte aber auch klar, dass die Branche keineswegs eine uneingeschränkte Ausweitung von Nachtflügen anstrebt und schon heute nur jene Flugbewegungen in die Nacht gelegt werden, bei denen dies unbedingt notwendig ist.
Ralph Beisel von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) sprach zum Flughafenkonzept der Bundesregierung und lobte große Teile des Papiers. Mit Blick auf frühere Positionen in der Politik meinte er, schon das schiere Bekenntnis zur Luftfahrt sei keine Selbstverständlichkeit und müsse anerkannt werden. Beisel befürwortete, dass die Regierung ein bedarfsgerechtes Kapazitätswachstum und die Verkürzung von Prüf- und Genehmigungsverfahren anstrebe. Schließlich stellte er in Aussicht, dass die deutschen Verkehrsflughäfen ihre Anstrengungen beim aktiven Schallschutz weiter intensivieren würden.
Anschließend führte Dr. Michael Engel vom Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) aus, dass es in der Öffentlichkeit häufig eine falsche Wahrnehmung gebe: Es seien keine massiven Ausweitungen des Nachtflugbetriebs geplant, es gehe der Branche lediglich darum, jene Flüge aufrechtzuerhalten, die betriebswirtschaftlich zwingend geboten seien. Engel betonte, ein einziges Flugzeug habe in Deutschland die Wirtschaftskraft eines mittelständischen Unternehmens. Er legte dar, dass in Deutschland etwa 85.000 Arbeitplätze direkt oder indirekt vom Nachtflug abhängig seien und äußerte die Befürchtung, dass weitgehende Nachtflugverbote die Verminderung der Wettbewerbsfähigkeit und den Verlust von Arbeitsplätzen nach sich ziehen würden.

Die Räumlichkeiten des Skylofts im Sheraton Hotel boten auch jenseits des Rahmenprogramms viele Gelegenheiten zum persönlichen Austausch
Dr. René Weinandy vom Umweltbundesamt (UBA) sprach zum Thema „Schutz der Bevölkerung vor nächtlichem Fluglärm“. Er stellte die Ergebnisse von Studien vor, die sich mit gesundheitsschädigenden Auswirkungen von Fluglärm beschäftigen. Zudem erläuterte er die Vorschläge des Umweltbundesamtes, um das Ziel einer nachhaltigen Mobilität zu erreichen: Unter anderem empfahl Weinandy Betriebsbeschränkungen für bestimmte Flugzeugtypen, die Anwendung lärmmindernder Anflugverfahren sowie Einschränkungen in der Kernnacht.
Das Referat von Prof. Dr.- Ing. Ulf Michel vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) machte deutlich, dass in der Vergangenheit viel erreicht wurde, um die Belastung der Bevölkerung durch Fluglärm zu vermindern. Im Flugzeugbau habe der technische Fortschritt im Laufe der Jahre immer leisere Triebwerke ermöglicht. Auch in den nächsten Jahren seien bahnbrechende Weiterentwicklungen in Sachen Lärmminderung an der Quelle zu erwarten.
Auch Dr. Karlheinz Haag, Leiter Umweltkonzepte der Deutschen Lufthansa AG, betonte die Fortschritte in der Vergangenheit. In den letzten Jahrzehnten sei es gelungen, die Lärmbelastung um etwa 25 dB zu verringern, was einer Reduzierung von etwa 90 Prozent entspricht. Haag wies aber auch darauf hin, dass es noch großes technisches Potenzial für die Reduzierung von Lärmbelastungen gebe und dass dieses kontinuierlich erschlossen werde. Seine Bilanz: Trotz eines Ansteigens des Verkehrsaufkommens in der Luft ist die Lärmbelastung unter dem Strich zurückgegangen.
Karl-Heinz Köpfle, Vorstand Operations der Lufthansa Cargo AG, richtete in seinem Schluss-Statement noch einmal einen dringenden Appell an die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern, die Vorraussetzungen für international wettbewerbsfähige Betriebszeiten zu schaffen. Den Ankündigungen müssten nun Taten folgen. Köpfle machte aber auch noch einmal deutlich, dass die Branche an dem Ziel festhält, die Belastungen durch Fluglärm deutlich zu senken: indem die Anzahl der Flugbewegungen in der Nacht reduziert und die Maßnahmen zum aktiven Schallschutz weiter verstärkt werden.
Die Tagung bot eine ideale Plattform für den Austausch der Branche mit Politikern und anderen Meinungsführern – sowohl im Rahmenprogramm als auch in zahlreichen Gesprächen am Rande. Die Veranstaltung war der Auftakt einer Reihe von Aktivitäten der Initiative „Die Fracht braucht die Nacht“, der Dialog mit Politik und Öffentlichkeit soll in den kommenden Monaten intensiviert werden.